Mehr Gendersensibilität wagen

Habe eben den Artikel über Sylvia Lohrmanns Forderung nach Trennung der Geschlechter gelesen: „NRW-Schulministerin fordert getrennten Unterricht“(WELT, 04.06.2012) und mich über viele Formulierungen aber auch die wesentlichen politischen Aussagen geärgert.

Natürlich gibt es Studien darüber, die belegen, dass in geschlechtshomogenen Gruppen, die Unterschiede innerhalb der Geschlechtergruppe nicht mehr so deutlich spürbar sind, aber ich fänd es eigentlich besser an die Ursachen ranzugehen und nicht unbedingt die nur die Folgen zu bekämpfen.

Etwas geärgert habe ich mich aber über die einseitige Aufforderung an die Lehrkräfte:

„Lehrkräfte müssen darauf vorbereitet werden, dass Mädchen einen anderen Zugang brauchen, um anzubeißen“, sagte Löhrmann. „Mädchen brauchen eher einen Anwendungsbezug, während viele Jungen Technik an sich fasziniert.“

Ich glaube nicht, dass Jungs „an sich“ an Technik fasziniert sind! Wenn wer Studien dazu hat, wäre ich sehr dran interessiert ebenso, wo steht, dass Mädchen „eher“ einen Anwendungsbezug brauchen.

Es liegt doch daran, dass vieles, was mit „Technik“ zu tun hat bei Mädchen oft nicht mehr als Technik gekennzeichnet wird:

Im Gegensatz zu Weiblichkeit und Natur ist Männlichkeit seit jeher mit Technik verknüpft. Männlichkeit und Technik werden als etwas beschrieben, das rational, objektiv und unabhängig über die Natur herrscht.
(Anette Gowin,“Technik und Geschlecht“, 26.08.2004)

bzw. gute Leistungen für Mathe bei Jungs als „intelligent“ zugeschrieben, während Mädchen als „fleißiger“ gelten, wenn sie gut in Mathe sind (also faktisch gesagt bekommen, dass sie ihren Mangel ausgeglichen haben). Die Erwartungshaltung macht zudem ein Großteil des Erfolgs aus:

„Zwei Klassen bekamen Schulaufgaben. Der einen wurde gesagt, dass Mädchen sie schneller lösen würden. Die Buben in dieser Klasse waren deutlich schlechter als die der zweiten Klasse. Das heißt also: Je geringer die Erwartungshaltung von Eltern und Lehrern, umso schlechter schneiden die Buben dann auch tatsächlich ab.“
(SZ, „Bessere Noten für Mädchen -Keine Frage der Intelligenz“, 03.09.2010)

Die Ergebnisse sind seit Jahren bekannt.

Ich finde ein grüner emazipatorischer Ansatz müsste sein Genderkompetenz in der Lehrer*innen-Ausbildung als zentrales Element zu verankern. Dazu gehört auch sich über Sozialisation, patriachale Strukturen etc. auseinander zu setzen. Ideen zu entwickeln, wie auch in der Elternarbeit eine geringe(re) Erwartungshaltung durch die Eltern in bestimmten Fächern vermieden werden kann.
Es nützt glaub ich nur wenig, wenn man versucht die Auswirkungen der Lehrkräfte dann durch getrennte Klassen aufzufangen, wenn man auch grundsätzlicher ansetzen könnte.

Was wir brauchen:

  • Genderkompetenz als zentrales Element in der Ausbildung der Lehrkräfte, insbesondere da, wo die Unterschiede am deutlichsten sichtbar sind
  • Aufklärung darüber, dass es keine „grundsätzlichen“ Unterschiede gibt, sondern das bestehende System gender als Differenzierungskategorie in bestimmten Fächern wirksam werden lässt.
  • Eltern darüber aufklären, was ihre Erwartungshaltung für einen Einfluss auf die Leistungen der Kinder haben

Was brauchen wir noch?

Offene Frage für mich:

Wie sollte man mit patriachal aufgeladenen Begiffen umgehen? Also sollte man Technik als Begriff vermeiden? Sollte man versuchen Frauen und Technik stärker zu assoziieren? Ich finde die MINT-Kampagnen einerseits ganz gut, weil sie Mädchen und Frauen damit mehr in Berührung kommen, andererseits wird auch damit transportiert, dass Mädchen eben weniger mit MINT-Fächern zu tun haben…m.E. ist man dann damit schon ein Schritt hinterher.

Wie seht ihr das?

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